Epigenetik und Pubertät- Wenn psychischer Schmerz zu körperlicher Krankheit wird – Teil 1: Jugendliche Essstörung

Epigenetik und Pubertät- Wenn psychischer Schmerz zu körperlicher Krankheit wird – Teil 1: Jugendliche Essstörung

Mögliche Zusammenhänge- zwischen Essstörung und multible Folgeerkrankungen

Es gibt Themen, über die niemand spricht. Nicht weil sie unwichtig wären – sondern weil sie uns oft an Grenzen führen, die wir lieber nicht sehen möchten.

Die jugendliche Essstörung ist eines dieser Themen.

Sie versteckt sich hinter Schweigen, hinter Lächeln, hinter Leistung. Sie wächst in Familien, die funktionieren – und in Familien, die längst aufgehört haben zu funktionieren. Sie trifft Mädchen und Jungen, die vielleicht nach außen hin „okay" wirken, während sie innerlich kämpfen – allein, erschöpft und oft ohne Worte für das, was sie erleben oder erlebt haben. In diesem Beitrag erhalten Sie einen Einblick aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Nicht um zu urteilen, sondern um zu verstehen- und Ansätze zu finden, wie sie ihr Kind durch eine sehr schwierige Lebensphase begleiten können. 

Hinter jeder Essstörung steckt eine Geschichte wie Verborgene Dominosteine: Traumainduzierte Multimorbidität – ein systemischer Blick auf verkannte Krankheitsbilder, welche Kaskadenartige Folgeerkrankungen nach sich ziehen können. Aus meiner langjährigen praktischen Arbeit als Therapeutin, weiß ich wie schwer es für Betroffene ist- das eigene Kind zu erreichen und zu erkennen, dass unterschiedliche Krankheitsbilder meist als- komplexes Bild eingestuft werden müssten. 

Wo beginnt man mit der Kausal-Diagnose? 

Genau hier liegt oft die Herausforderung. Innerhalb der Schulmedizin gibt es für nahezu jedes Krankheitsbild spezialisierte Fachrichtungen. Das ist wichtig und sinnvoll – kann aber auch dazu führen, dass vor allem einzelne Symptome behandelt werden, während der Blick auf mögliche Zusammenhänge verloren geht.

Bei jugendlichen Essstörungen zeigt sich häufig ein komplexes Bild: seelische Belastungen, traumatische Erfahrungen, hormonelle Veränderungen, familiäre Dynamiken und körperliche Symptome können sich gegenseitig beeinflussen. Umso wichtiger ist es, nicht nur das sichtbare Essverhalten in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auch behutsam nach den tieferliegenden Ursachen zu fragen.

In meiner langjährigen Arbeit habe ich immer wieder erlebt, wie schwer es für Eltern ist, ihr eigenes Kind in dieser Phase wirklich zu erreichen. Viele Jugendliche können ihre innere Not nicht in Worte fassen. Sie ziehen sich zurück, wehren Hilfe ab oder wirken nach außen kontrolliert, obwohl innerlich längst vieles aus dem Gleichgewicht geraten ist. Gerade in der Pubertät ist das besonders herausfordernd: Reifungsprozesse, emotionale Überforderung und mögliche traumatische Vorerfahrungen können das Erleben zusätzlich belasten.

Ich bin bewusst von der klassischen therapeutischen Arbeit ins Coaching gewechselt, weil ich dort früher ansetzen und einen weiteren Blick einnehmen kann. Mich interessiert nicht nur das Symptom, sondern die Kette dahinter: Was war zuerst da? Welche Belastungen wirken bis heute nach? Und welche Schritte helfen, ohne zusätzlichen Druck aufzubauen?

Heilung beginnt aus meiner Sicht oft dort, wo Verstehen möglich wird. Nicht mit vorschnellen Urteilen, nicht mit reinem Funktionieren, sondern mit einem ehrlichen, geduldigen Blick auf das, was ein junger Mensch wirklich braucht. Eltern können diesen Weg nicht erzwingen – aber sie können ihn mittragen: aufmerksam, stabilisierend und Schritt für Schritt.

Beispiele: 

1. Kontrollverlust und das Bedürfnis nach Kontrolle

Viele jugendliche Betroffene erleben ihr inneres oder äußeres Umfeld als schwer vorhersehbar: Konflikte in der Familie, emotionale Unsicherheit, Überforderung in der Schule oder das Gefühl, den Erwartungen anderer nicht zu genügen. Wo das Leben chaotisch, bedrohlich oder nicht greifbar erscheint, entsteht oft ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Der eigene Körper wird dann zu dem Bereich, über den scheinbar noch Einfluss möglich ist. Nahrung, Gewicht, Kalorien oder Essrituale vermitteln für einen Moment Struktur, Halt und Selbstwirksamkeit. Hinter dem kontrollierten Essen steckt deshalb oft nicht Eitelkeit, sondern der verzweifelte Versuch, innere Ohnmacht zu kompensieren. Der Satz „Ich kann nicht kontrollieren, was um mich herum passiert – aber ich kann kontrollieren, was ich esse“ beschreibt diesen Mechanismus sehr treffend.

2. Emotionsregulation durch Essen (oder Nicht-Essen)

Kinder und Jugendliche lernen emotionale Regulation nicht ohne Unterstützung, sondern durch eine stabile Beziehung. Sie brauchen Erwachsene- die Gefühle spiegeln, benennen und mit ihnen gemeinsam mittragen können. Fehlt diese Erfahrung, bleibt das Nervensystem häufig mit Stress, Angst, Scham, Wut oder Traurigkeitsmodus- auf sich allein gestellt. Essen kann dann eine Funktion übernehmen, die ursprünglich zwischenmenschlich hätte aufgefangen werden müssen: Es kann beruhigen, betäuben, belohnen, trösten oder von innerem Schmerz ablenken. Aber auch das Nicht-Essen kann regulierend wirken — etwa indem es Anspannung erzeugt, Gefühle abschneidet oder das Erleben von Leere kontrollierbar macht. Die Essstörung ist in solchen Fällen nicht nur ein Symptom, sondern ein Versuch des Organismus, mit innerer Überforderung umzugehen. Problematisch wird es dann, wenn dieser Bewältigungsversuch selbst krankmachend wird.

3. Bindungstrauma und innere Leere

Wenn frühe Bindungserfahrungen von Unsicherheit, Zurückweisung, Unberechenbarkeit oder emotionaler Unerreichbarkeit geprägt waren, kann sich im Kind ein tiefes Gefühl von Verlassenheit und innerer Leere entwickeln. Diese Leere ist oft schwer in Worte zu fassen. Sie zeigt sich nicht immer offen, sondern versteckt sich hinter Anpassung, Leistung, Rückzug oder dem ständigen Versuch, „genug“ zu sein. In der Pubertät- wenn Identität, Körperwahrnehmung und Zugehörigkeit ohnehin stark in Bewegung geraten, kann diese alte innere Leere besonders spürbar werden. Eine Essstörung kann dann der Versuch sein, dieses Gefühl zu füllen, zu kontrollieren oder zu betäuben. Manche Jugendliche essen gegen die Leere an, andere versuchen, sie durch Verzicht- Disziplin oder Selbstbestrafung zu beherrschen. In beiden Fällen geht es häufig um weit mehr als um Essen — es geht um Bindung, Selbstwert und das tiefe Bedürfnis, sich innerlich gehalten zu fühlen.

4. Gesellschaftlicher Schönheitsdruck und soziale Medien

Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der sie nahezu ununterbrochen mit idealisierten Bildern von Körpern, Schönheit und Selbstoptimierung konfrontiert sind. Auf Plattformen wie Instagram oder TikTok werden nicht nur unrealistische Schönheitsideale vermittelt, sondern auch Lebensstile inszeniert- die Perfektion, Kontrolle und Vergleich fördern. Für ein stabiles, emotional gut reguliertes Kind kann das schon belastend sein. Für Jugendliche, die ohnehin unter innerem Stress, Unsicherheit oder ungelösten seelischen Verletzungen leiden, kann dieser permanente Vergleich jedoch besonders tief wirken. Dann werden soziale Medien nicht nur zur Bühne, sondern zum Verstärker bereits vorhandener Selbstzweifel. Der Eindruck nicht schön, diszipliniert oder wertvoll genug zu sein, kann sich massiv verdichten. Der gesellschaftliche Druck ist selten die alleinige Ursache einer Essstörung — aber er kann der Auslöser sein, der ein ohnehin belastetes System kippen lässt.

5. Transgenerationales Trauma

Nicht jede Belastung beginnt erst beim betroffenen Kind selbst. Manchmal wirken Erfahrungen in ein Familiensystem hinein, die nie ausgesprochen, nie verarbeitet und nie wirklich verstanden wurden. Traumatische Erlebnisse der Eltern- oder Großelterngeneration — etwa Krieg, Gewalt, Verlust, emotionale Vernachlässigung oder tiefe existentielle Angst — können über Beziehungsmuster, Erziehungsstile, unbewusste Loyalitäten und möglicherweise auch über biologische Stressverarbeitung weitergegeben werden. Kinder wachsen dann in einem Klima auf, das von Anspannung, Überanpassung, Schweigen oder emotionaler Unsicherheit geprägt sein kann, ohne die eigentliche Ursache zu kennen. Sie spüren die Last, aber sie können sie nicht einordnen. Eine Essstörung kann in diesem Zusammenhang auch Ausdruck eines Nervensystems sein, das etwas trägt, das älter ist als das eigene Leben. Deshalb lohnt es sich, bei der Ursachenklärung nicht nur auf das Kind zu schauen, sondern auch auf die Geschichte des gesamten Systems.

Abschließend und ergänzend

Was in diesem Zusammenhang oft übersehen und noch immer zu wenig thematisiert wird, ist die Tatsache, dass weitere psychische und körperliche Störungsbilder häufig nicht im Gesamtzusammenhang erkannt werden. Ein Grund dafür liegt unter anderem in der fachlich klaren Trennung einzelner Krankheitsbilder: Jede Diagnose wird meist für sich betrachtet, während übergreifende Zusammenhänge leicht aus dem Blick geraten.

Gerade bei Jugendlichen mit Essstörungen zeigt sich jedoch nicht selten ein komplexes Bild. Schlafstörungen, Angststörungen, soziale Ängste, emotionale Instabilität oder Symptome, die später bestimmten Störungsbildern zugeordnet werden, können in engem Zusammenhang miteinander stehen. Auch schwere psychische Ausnahmezustände oder psychosomatische Reaktionen werden nicht immer unmittelbar als Teil einer tieferliegenden Kausalkette erkannt.

Besonders bedeutsam ist dabei, dass körperliche Prozesse und psychische Belastungen sich wechselseitig verstärken können. So können etwa instabile Blutzuckerdynamiken infolge gestörten Essverhaltens das Nervensystem zusätzlich belasten und bestehende Symptome verschärfen. Wenn diese Wechselwirkungen nicht mitbedacht werden, besteht die Gefahr, dass einzelne Beschwerden isoliert behandelt werden, obwohl sie Ausdruck eines viel komplexeren Gesamtgeschehens sind. Genau deshalb braucht es einen Blick, der nicht nur einzelne Diagnosen nebeneinanderstellt, sondern Zusammenhänge erkennt: zwischen Essen, Psyche, Körper, Trauma, Stressregulation und dem familiären System.

Ein weiterer Aspekt, der aus meiner Sicht noch zu wenig Beachtung findet, sind dissoziative beziehungsweise funktionelle, nicht-epileptische Anfälle. Gerade bei jungen Menschen mit schweren psychischen Ausnahmezuständen, traumatischen Vorerfahrungen und einer bestehenden Essstörung kann es zu anfallsartigen Zuständen kommen, die auf den ersten Blick wie epileptische Anfälle wirken. Dadurch werden mögliche Zusammenhänge mit psychischer Überforderung, Stressverarbeitung und dem gesamten inneren Belastungssystem nicht immer ausreichend mitgedacht.

Gleichzeitig können körperliche Folgen einer Essstörung – etwa starke Unterzuckerung, Elektrolytverschiebungen, Flüssigkeitsmangel oder Schlafmangel – das Nervensystem zusätzlich destabilisieren und echte medizinische Notfälle begünstigen. Umso wichtiger ist eine sorgfältige interdisziplinäre Abklärung, damit nicht vorschnell nur ein Symptom behandelt wird, ohne das Gesamtbild zu verstehen.

Wirkliche Begleitung beginnt dort, wo wir aufhören, nur einzelne Symptome zu betrachten, und anfangen, den jungen Menschen in seiner ganzen inneren Not zu verstehen.

 

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